Wikinger und Wüstensöhne

Wikingermarkt im Museumsdorf Haithabu. Diggingculture war dabei und berichtet vom orientalisch-wikingerzeitlichen Kulturclash, damals und heute.


 
 
Jedes Jahr veranstaltet das Museumsdorf Haithabu nahe Schleswig einen Wikingermarkt zur Darstellung von Handwerk und Alltagleben der ehemaligen Handelsmetropole am Ostsee-Seitenarm Schlei. Wohl im 8. Jh. n. Chr. gegründet, hatte Haithabu 300 Jahre lang eine – Schlüsselposition. Es war ein Warenumschlagplatz für einen weitläufigen Handel, der Ost- und Nordsee überspannte und bis tief in das Inland reichte. Hier wurden Elchgeweihe aus Skandinavien, Quecksilber aus Spanien, Schmuck aus dem Baltikum und vieles mehr verhandelt.

An diesem Wochenende haben neben dem Museumsdorf Reenactment-Darsteller ihre Zelte aufgeschlagen. Der Geruch von Lagerfeuern und Gebratenem zieht durch die Zeltstatt und überall – wird geschäftig geschmiedet, gesponnen, geschnitzt und gefärbt. Händler bieten an Ständen ihre Waren feil. Mittendrin ich. Ich sitze im Vorzelt und nähe an einem Trägerkleid, der letzte Schrei bei der Damenwelt des 9. Jahrhunderts in Haithabu.

 

Araber unter Wikingern

Neben mir sitzt ein Freund von mir, Gunnar. Er trägt eine braune Wolltunika, seine braunen Haare sind von einem Lederband gehalten und sein Bart ist leicht zerzaust. Er will gerade die Arbeit an einem hölzernen Runenbild fortzusetzen, als ein Besucher vorbeikommt und fragt ob er fotografieren darf. Natürlich darf er. “Ich bin aus Syrien sagt er.” “Ahlan wa Sahlan!” Er sieht mich verdutzt, du sprichst Arabisch? “Meine Mutter ist aus Syrien.”, antworte ich. Wir schwätzen miteinander, während er mit seinem Smartphone ein Video macht. Höflich verabschiedet er sich.

Eine Stunde später kommt er mit einem Duzend syrischer Freunde zurück. Das sind die Jungs aus seiner Sprachschule in Kiel, erklärt er. Die meisten von ihnen sind vor zwei Jahren als Flüchtlinge hergekommen. In einer großen Traube scharen sie sich um das offene Zelt. Als ich anfange Arabisch zu sprechen klappen Münder auf. Es muss ein skurriles Bild sein:  eine blonde Wikingerin, die im Zelt zwischen Holztruhen, Körben und Tonkrügen auf Ziegenfellen neben zwei Hunden sitzt und Arabisch redet. Für Fotos setzen sie sich zu uns ins Zelt. Die Schuhe müssen draußen bleiben, obwohl das Zelt keinen hygienisch einwandfreien Eindruck macht. Das kennen sie schon. Der ein oder andere war schon mal in einem Beduinenzelt. Da wird das auch so gemacht. Viele Fragen stellen sie. Über mich und über Haithabu. Wann war Haithabu besiedelt? Wie war das hier damals? Was ist unsere Motivation hier in Zelten zu hausen? Ob wir die ganze Zeit so leben? Nein, nein, beruhige ich sie. Nur für ein paar Tage, um den Leuten zu zeigen, wie die Menschen hier früher gelebt und gearbeitet haben. Sie sind beruhigt.

 

At-Tartûschi in Haithabu

Vor gut 1000 Jahren war schon mal jemand hier der Arabisch gesprochen und gestaunt hat. Sein Name war Ibrahim ibn Ahmed At-Tartûschi aus dem spanischen Tortosa, der um 965 vom Kalifen Hakam II. ausgesandt wurde, das Frankenland zu bereisen.At-Tartûschi berichtete: „Schleswig ist eine sehr große Stadt am äußersten Ende des Weltmeeres. In ihrem Innern gibt es Quellen süßen Wassers. Ihre Bewohner sind Siriusanbeter, außer einer kleinen Anzahl, welche Christen sind, die dort eine Kirche besitzen. Wer ein Opfertier schlachtet errichtet an der Tür seines Gehöfts Pfähle und tut das Opfertier darauf…Die Stadt ist arm an Gütern und Segen. Die Hauptnahrung der Bewohner besteht aus Fischen, denn die sind dort zahlreich. Werden einem von ihnen Kinder geboren, so wirft er sie ins Meer, um sich die Ausgaben zu sparen…das Weib scheidet sich selbst wann sie will. Auch gibt es dort eine künstlich hergestellte Augenschminke; wenn sie sie anwenden, nimmt die Schönheit niemals ab, sondern noch zu bei Männern und Frauen… Nie hörte ich hässlicheren Gesang als den Gesang der Schleswiger, und das ist ein Gebrumm, das aus ihren Kehlen herauskommt, gleich dem Gebell der Hunde, und noch viehischer als dies.“ *

Schockierend sind die Wikinger für den Orientalen anscheinend damals wie heute gewesen. Immerhin konnte ich sie von unserem Gesang verschonen und ich bin froh zu hören, dass es unseren Gästen gefallen hat. An den Wind und den Regen hier im Norden haben sie sich aber noch nicht gewöhnt, sagen sie mir. „Da müsst ihr durch, sonst werden aus euch nie echte Wikinger“, sage ich grinsend. Lachend verabschieden sich.

 

 

* G. Jacob, Arabische Berichte von Gesandten an germanische Fürstenhöfe aus dem 9. und 10. Jahrhundert, Quellen zur deutschen Volkskunde 1, Berlin 1927, S. 29.

Fotos: © Diggingculture.org

FACEBOOK
FACEBOOK
EMAIL