El Presidente – Wie mir der Präsident von Guatemala die Zeit stahl

Hohe Pyramiden, tiefe Höhlen, laute Brüllaffen und leise Politiker – In der Reisebericht-Reihe, Feldpost aus Yucatan, erzähle ich von Menschen, Reisen und Ruinen. In dieser Folge: Von dem Tag als mir der Präsident von Guatemala die Zeit stahl.

 

Irgendwo zwischen Puerto Barrios und Quirigua, Guatemala Juni 2010

Seit einer geschlagenen halben Stunde standen wir nun auf einer Landstrasse in Guatemala. Der Grund war uns schleierhaft. Ich und mein englischer Reisebegleiter Jim grillten nun seit einer gefühlten Ewigkeit in dem bunten Chickenbus, der uns nach Honduras bringen sollte.„Was ist denn da vorne eigentlich los?“ Jims blonder Lockenkopf reckte sich nach vorn. Ich tat es ihm gleich, denn vorne an der Kreuzung bewegte sich endlich etwas. Eine Kolonne von Polizei- und Militärfahrzeugen, einer Ambulanz, sowie einigen Pickups mit Soldaten und Zivilisten kreuzte unseren Weg von rechts nach links. Offensichtlich kam die Kolonne von dem Flugplatz. „Qué pasa?“, fragte ich einen Familienvater mit seinen zwei kleinen Söhnen in der Sitzreihe schräg hinter mir. Das Gesicht des Mannes, der um die 40 sein mochte wandte sich mir zu. Die schmalen Lippen unter breitem Schnurrbart formte zwei Worte: „El Presidente!“. „Ahh…“ Jim beugte sich zu mir nach hinten und teilte mir seinerseits das Ergebnis seiner Nachforschungen mit. „Das war der Präsident von Guatemala, der mit dem Hubschrauber gelandet ist.“

El Presidente

In meinem Gedächtnis kramte ich nach Wissen über den Präsidenten von Guatemala. Ich kannte das Gesicht des Präsidenten Álvaro Colom Caballeros lediglich aus Online-Artikeln. Ein schlanker Mann von Ende 50. Seine dunklen Augen hinter dezenter Brille spiegelten seine Emotionen maßvoll und langsam wider. Die schmalen langen Finger nutzte er im Allgemeinen um seine Worte zu untermalen, jedoch nicht temperamentvoll, sondern eher wie ein Orchestermeister, der je nach Inhalt der Rede nur Adagietto oder Andante spielen konnte. Bei Parteikundgebungen pflegte der bedächtige Dirigent des Landes seine Hände gespreizt übereinander zu legen, um das Zeichen seiner Partei zu formen, die Friedenstaube. Der ehemalige Wirtschaftsingenieur und Geschäftsmann war 2007 in sein Amt gewählt worden und der erste sozialdemokratische Präsident seit über 50 Jahren. Obwohl ihm durch seine helle Haut seine europäischen Wurzeln anzusehen waren, hatte Colom einen starken Rückhalt in der indigenen Maya-Bevölkerung gefunden. Er hatte sich die Bekämpfung von Korruption, Gewaltverbrechen und Analphabetismus auf die Fahnen geschrieben und sich nach Ende des Bürgerkriegs, 1996, für die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen der Regierung engagiert.

„Wenn Sie diese Botschaft sehen, dann weil ich ermordet wurde von Präsident Alvaro Colom, Gustavo Alejos und Gorgio Valdez…“

Nur ein Vorfall hatte seine Amtszeit getrübt. Erst im Januar 2010, einen Monat vor meiner Ankunft in Guatemala, wurde er freigesprochen die Ermordung des Anwalts Rodrigo Rosenberg in Auftrag gegeben zu haben. Rosenberg hatte in einem Video, das wenige Tage vor seinem Tod aufgezeichnet worden war, den Präsidenten, seine Frau und zwei weitere Mitarbeiter von Colom beschuldigt, für die Ermordung seines Klienten, des Großunternehmers Khalil Musa und dessen Tochter, verantwortlich zu sein. Rosenberg hatte seine Video-Botschaft begonnen mit den Worten: „Wenn Sie diese Botschaft sehen, dann weil ich ermordet wurde von Präsident Alvaro Colom, Gustavo Alejos und Gorgio Valdez…“ Der renommierte Anwalt wurde am Muttertag 2009 beim Fahrradfahren in Guatemala City mit einem Kopfschuss getötet. Ich erinnerte mich, mir Passagen des Rosenberg-Videos mehrere Male im Internet angesehen zu haben. Er hatte einen gefassten Eindruck gemacht, sachlich aber eindringlich.

Demonstrationen in Guatemala gegen Álvaro Colom
Proteste gegen Präsident Alvaro Colom 2009 (flickr.com, CC0)

Video-Botschaft aus dem Jenseits

Die Video-Botschaft, die nach seinem Tod ins Internet gestellt worden war, hatte zu großen Protesten geführt. Zu Tausenden demonstrierten empörte Bürger vor dem Präsidentenpalast für den Rücktritt Coloms. Ein FBI-Agent wurde als unabhängiger Berater nach Guatemala entsandt, um zur Klärung beizutragen. Eine UN-Kommission prüfte den Fall und erklärte im Januar, dass Rosenberg selber einen Killer mit seiner eigenen Ermordung beauftragt habe. Seinen Tod hätte der Vater von vier Kindern mit Hilfe von zwei Verwandten und seiner Ex-Frau arrangiert, um sicher zu gehen, dass der Präsident zur Rechenschaft gezogen werden würde.

Colom sprach von einem Komplott des rechten Flügels, um ihn abzusetzen. Nach dem Freispruch durch die Kommission, hatte der Präsident seine Staatsgeschäfte fortführen können. Der Tod von Musa und dessen Tochter blieb unaufgeklärt. Laut Rosenberg war Musa in eine Affäre hineingezogen worde, in die der Kaffee-Konzern Ancaf, die Bank Banrural, sowie der Präsident, dessen Frau und zwei weitere Parteimitglieder verwickelt gewesen wären. Die Beweise, die der Anwalt in seiner Botschaft aus dem Jenseits erwähnt hatte, wurden nie gefunden.

Der Nachhall

Was auch immer davon zu halten war, dass ein Anwalt sein Leben für mehr Gerechtigkeit opferte oder, dass ein FBI-Agent tatsächlich dazu beitragen konnte die Wahrheit an die Öffentlichkeit zu bringen; die Affäre zeigte, dass Guatemala von innerpolitischen Problemen gebeutelt wurde. Zwar war das Ende des Bürgerkriegs eine Befreiung für das Land, aber Korruption, Geldwäsche und Drogenhandel im großen Stil, stellen immer noch ein Problem dar. Die Leidtragenden sind vor allem die Bürger, die besonders in der Hauptstadt Gefahr laufen zufällig zwischen die Fronten von Bandenkriegen zu geraten oder bei Raubüberfällen erschossen zu werden.
Die Kolonne hatte inzwischen den Weg freigemacht und der Bus setzte sich in Bewegung. Den guten Álvaro hatte ich leider nicht zu Gesicht bekommen und ob er nun von der UN freigesprochen worden war oder nicht, dafür dass er uns in dieser Hitze hatte schmachten lassen, konnte er zumindest von mir keine Absolution erwarten!

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