Feldpost aus Yucatan – Der Chickenbus

Hohe Pyramiden, tiefe Höhlen, laute Brüllaffen und leise Politiker – In der Reisebericht-Reihe, Feldpost aus Yucatan, erzähle ich von Menschen, Reisen und Ruinen. In dieser Folge: Von einer Berlinerin im Hühnerbus und der Kunst des Chillens.


 
 

Irgendwo zwischen Puerto Barrios und Quirigua, Guatemala Juni 2010

Nachdem vor drei Wochen die Ausgrabung im guatemaltekischen Regenwald in Uaxactun zu Ende gegangen ist, reise ich nun durch Yucatan. Um zu den Ruinen von Copán in Honduras zu kommen, haben ich und mein britischer Reisebegleiter Jim einen Chickenbus bestiegen. Die bunt bemalten Ungetüme heißen so, weil häufig auch Hühner zu ihren Passagieren zählen.

Plötzlich hält der Chickenbus an einer Straße in Morales und steht fünf Minuten ohne, dass etwas geschieht. Auf der rechten Seite stehen Männer und gaffen über einen weißen Maschendrahtzaun, wo sich ein Rollfeld befindet. Der Grund für das Interesse scheint unersichtlich. Was unsere Fahrt verzögert sollten wir bald erfahren. Zunächst stehen wir aber…

Braten im Hühnerbus

Ohne Fahrtwind hat sich der Bus in der prallen Mittagssonne schnell auf über 40 Grad aufgeheizt. Der Schweiß, der in Mittelamerika normalerweise einen permanenten Film  bildet, beginnt sich selbstbewusst in amorphen Formen zu erheben und vereint hinabzufließen.

Vor mir sitzt eine junge Mutter mit ihrem zweijährigen Sohn auf dem Schoß. Das Kind spielt bräsig mit dem langen Pferdeschwanz seiner Mama. Die Frau mit pinkem Spagetti-Top und dazu passendem Rüschenhaargummi wedelt sich und ihrem Stammhalter mit einem Fächer Luft zu.  In der Hoffnung etwas von dem kühlen Lüftchen schmarotzen zu können, lehnte mich ein wenig nach vorne . Wie erwartet ist die Ausbeute dürftig. Ich lehne mich wieder zurück und unternehme einige Bemühungen ein ähnliches Resultat mit meinem Reiseführer zu erzielen. Zu schwer und kompakt das Ding!, denke ich. Ich beschliesse dem Verlag von Lonely Planet zu schreiben, sie sollen auf die Fächeltauglichkeit ihrer Druckerzeugnisse in Zukunft gefälligst mehr wert legen.

Berlinerin im Fernverkehr

Würde ich in einer vergleichbaren Situation in einem Bus der Berliner Verkehrsbetriebe über fünf Minuten aufgehalten werden, hätten die Fahrgäste bereits nach 30 Sekunden angefangen zu maulen. Nach einer Minute hätte sich ein Schwadron Greise zusammen gefunden und den Busfahrer darüber zu informieren, dass es ja so was früher nicht geben hätte. In einer plötzlichen Vertraulichkeit angesichts des Ausnahmezustandes, hätten die Passagiere angefangen etwas zu tun, was unter normalen Umständen in Berlin niemals geschehen wäre: Sie hätten miteinander geredet! Genauer gesagt, zusammen rumgenörgelt und gejackert bis sich ein wohliges Gefühl der Verbundenheit eingestellt hätte. Nach drei Minuten wäre ein ungeduldiger junger Großstädter ausgestiegen, um zu laufen. Der Busfahrer hätte das getan, was jeder anständige Berliner Busfahrer in so einer Situation tun würde: Er wäre noch pampiger geworden, als sein Berufsprofil es ohnehin vorschreibt.

 

Chicken bus, Antigua Guatemala (CC0 flickr. com)

 

Die Superfähigkeit der Gelassenheit

Aber wir sind nicht in Berlin. Wir sind auf einer Straße in Guatemala und die Menschen hier bringt schlichtweg überhaupt nichts aus der Ruhe. Es hatte mich anfangs Mühe gekostet, mich an diese sympatische Mentalität zu gewöhnen. Zumindest ein genervter Blick zur Decke oder ein Seufzen bin ich als Berlinerin der Situation schuldig. Hier ist auch dies schon überzogen, egal ob es an einer Kasse oder im Verkehr länger dauerte. Exemplarisch wird das von zwei junge Kerle in Jeans und Cowboyboots demonstiert. Sie nutzen die Gunst der Stunde für eine Raucherpause anstatt zu nörgeln. Ich komme mir vor, als wäre ich auf dem Planet Krypton gelandet und wirklich jeder auf diesem fremden Planeten besitzt die Superfähigkeit der Gelassenheit. Außer ich.

Die Kunst des Chillens

Bislang bin ich unheimlich stolz auf meine fast schon übermenschliche Entspanntheit gewesen. Hier wird mir deutlich, dass ich nichts als ein blutiger Anfänger, ein nichtswürdiger Padavan, ja geradezu ein Dilettant des Chillens bin! Ich entscheide mich, die Lehren meiner Mitmenschen zu akzeptieren. Als ersten Schritt in Richtung der totalen Zersetzung der Ungeduld beschliesse ich, meinen Körper von meinem Geist zu trennen. Fest nehme ich mir vor, das guatemaltekische Klima ab jetzt völlig zu ignorieren. Wenn etwas nicht veränderbar ist, tut man gut daran es abzustreiten!

„Verdammt heiß“, meinte Jim.

„Findest du wirklich?“, gab ich ungläubig zurück und werfe meine Stirn so gut in Falten wie es geht. Ein Schweißtropfen löst sich unerlaubt aus der Formation, seilt sich an meiner rechten Wimper ab und stürzt mit Todesverachtung in die Tiefe.

Selbstzufrieden lehne ich mich zurück. Die Kunst des Chillens habe ich gemeistert! Feierlich nehme ich mir vor, meine mühsam erworbene Superfähigkeit in Zukunft auch in den Berliner Öffis anzuwenden.

FACEBOOK
FACEBOOK
EMAIL

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.